Schwangerschaft in Frankreich Erfahrungen

Französinnen bekommen im Schnitt ja bekanntlich die meisten Kinder in Europa. (Auch wenn die Geburtenrate im Moment sinkt und die Deutsche dafür ansteigt.) Jetzt lebe ich schon 1,5 Jahre hier in Südfrankreich und trotzdem bewundere ich immer noch, wie die französischen Mamis morgens mit einem ganzen Pulk Kinder zum Kindergarten (Ecole Maternelle) oder zur Grundschule kommen und nacheinander 1, 2, 3… Kinder abgeben. Gerne dann auch noch mit hochschwangerem Bauch. Mich faszinieren einfach die Unterschiede, die es beim Thema Kinderkriegen und Schwangerschaft in beiden Ländern gibt. Schließlich habe ich auch beides mitgemacht. Ein Kind in Deutschland und eines in Frankreich zur Welt gebracht. Genau wie Christina, ursprünglich Social Media Managerin aus Hamburg und nun auch seit 1,5 Jahren in der Nähe von Marseille wohnend. Daher habe ich mich riesig gefreut, dass ich die liebe Christina für ein Interview über ihre zweite Schwangerschaft in Frankreich begeistern konnte. Baby Nummer 1 hatte sie vor ca. 3 Jahren in Hamburg zur Welt gebracht und zum Zeitpunkt des Interviews stand sie kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes. Lest weiter, wenn ihr wissen wollt, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede Christina feststellen konnte. Außerdem erzählt sie uns noch etwas über Hypnobirthing:

Liebe Christina, was ist für Dich die größte Herausforderung, wenn Du an die bevorstehende Geburt in Frankreich denkst?

Die größte Herausforderung wird für mich wohl die Sprache sein, da Französisch nicht meine Muttersprache ist. Deshalb wurde nicht zuletzt auch der Papa des Babys (ebenfalls Deutscher), der bei der Geburt dabei sein wird, mit einer entsprechenden Vokabelliste ausgestattet und vorab instruiert im Ernstfall die Kommunikation mit dem Geburtsteam zu übernehmen, wenn ich nicht (mehr) in der Lage dazu sein sollte.

Außerdem habe ich mit der Maternité (Frauenklinik), abgesprochen, dass ich so natürlich wie nur möglich entbinden und dabei weitestgehend auf medizinische Eingriffe verzichten möchte. Da ist es natürlich spannend, ob ich meine Vorstellungen in einem Land, welches Geburt eher als medizinischen Vorgang betrachtet, umgesetzt bekomme.

Du hast den Vergleich, nachdem Du Dein erstes Kind in Deutschland bekommen hast. Gibt es Dinge, die Du in Frankreich einfacher/besser findest als während Deiner Schwangerschaft in Deutschland? 

Nein, eigentlich nicht. Meine beiden Schwangerschaften an sich verliefen sehr unterschiedlich. Die erste Schwangerschaft empfand ich physisch wie auch psychisch sehr anstrengend. Dann kam der Umzug nach Frankreich und nun bin ich mitten in meiner Elternzeit zum zweiten Mal schwanger geworden. Alles verlief bisher wesentlich entspannter, weil ich hier – umgeben von Meer, Olivenbäumen und Lavendelfeldern – natürlich auch gelassener bin, als ich es im pulsierenden Hamburger Großtstadtdschungel war. Ich kann mich hier in Südfrankreich gerade voll und ganz auf meine Familie und auch mich selbst konzentrieren und muss mich zum Glück auch nicht wieder von unzähligen medizinischen Untersuchungen verrückt machen lassen, wie es (leider) in der letzten Schwangerschaft der Fall war.

Die Ruhe tut mir und meinem Baby jedenfalls wirklich gut – ob nun in Deutschland, Frankreich oder anderswo.

Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen einer Schwangerschaft in Frankreich und einer in Deutschland?

Es gibt natürlich einige kleinere Unterschiede, die mir aufgefallen sind. Zum Beispiel bekommt die werdende Mutter keinen Mutterpass, sondern sammelt ihre Unterlagen in einem proportional zum wachsenden Bauchumfang immer dicker werdenden A4-Ordner. Auch wird der Geburtstermin in Frankreich eine Woche später als in Deutschland angesetzt, denn in Frankreich geht man von 41 Wochen statt nur 40 wie in Deutschland aus. Außerdem finden zwar die monatlichen Vorsorgetermine beim Frauenarzt oder der Hebamme statt, für die drei großen Ultraschalltermine sucht man allerdings einen weiteren Spezialisten auf (mein Frauenarzt war glücklicherweise für beides zuständig). Und anders als in Deutschland werden in Frankreich Blut- oder Urinproben nur in einem Labor abgenommen und nicht in der Arztpraxis selbst. Ansonsten zählt beispielsweise noch die Nackenfaltenmessung in Frankreich anders als in Deutschland zu einer Routineuntersuchung… Und so geht es weiter mit den kleinen feinen Unterschieden.

Einen wirklich krassen Unterschied habe ich bisher nur im Hinblick auf die Geburt selbst und die Zeit danach entdecken können, was wohl in der Geschichte Frankreichs und seiner Frauenbewegungen zu wurzeln scheint.

Denn obwohl das Geburtserlebnis ja eigentlich ein sehr emotionales und intimes Erlebnis darstellt, werden Geburten in Frankreich meist medizinisch in einem Krankenhaus oder einer Frauenklinik (maternité) begleitet und überwacht. Ganz pragmatisch. Mehr als zwei Drittel aller Frauen gebären hier zudem mithilfe einer Periduralanästhesie (PDA), was sogar als Errungenschaft der Frauenbewegung gesehen wird. Etwas, was allen Frauen zusteht, und hier eben als wesentlicher Fortschritt gilt.

Auch spannend dazu ist die Zeit nach der Schwangerschaft, wenn nämlich der 16-wöchige Mutterschutz in Frankreich vorbei ist. Denn dann gehen viele Mütter wieder wie selbstverständlich halbtags oder oft sogar in Vollzeit arbeiten. Ich habe mich natürlich gefragt, warum die französischen Mamis (und Papis) nicht einfach ihren Anspruch auf Elternzeit (Congé parental) danach wahrnehmen, wie ich es aus Deutschland kannte. Oft wurden mir dann finanzielle (hier gibt es kein Elterngeldjahr) und berufliche Gründe (der Arbeitsvertrag wird quasi aufgelöst) genannt. Das leuchtete mir dann an.

Allerdings scheint die Grundeinstellung dazu auch historisch gewachsen zu sein, denn der Feminismus, der mit der Französischen Revolution beginnt, hat in Frankreich bis heute starken Einfluss auf die Situation der französischen Frauen. Im Mittelpunkt steht die komplette Selbstbestimmung der Frau. Klar, dass dann die Erwerbstätigkeit der Frauen als etwas völlig Selbstverständliches angesehen wird, was sich nicht zuletzt auch in dem flächendeckenden System der Kinderbetreuungseinreichtungen zeigt. Für diese Autonomie haben französische Frauen also lange gekämpft, was heute noch als gelebte Errungenschaft gefeiert wird. Diese so ganz andere Perspektive von Geburt und Elternzeit fand ich wirklich sehr interessant.

Ganz praktisch gesehen: Welche Dinge vermisst Du während Deiner Schwangerschaft besonders aus Deutschland? (DM-Produkte, Schokolade…?) Was lässt Du Dir von Deinen Besuchern extra mitbringen? ;) 

Ich vermisse eigentlich nichts. Natürlich fehlt mir hier eine ganz normale Drogerie wie DM, Budni oder Rossmann… Aber man kann ja auch alles online bestellen oder sich zur Not mitbringen lassen. Das geht schon.

Was ich aber definitive dann nach der Geburt vermissen werde, sind die vielen Eltern-Kind-Angebote, wie Baby-Schwimmen, -Massage, -Turnen, -Singen etc., wie ich sie in Deutschland zusammen mit meinem Sohn im Elternzeitjahr genossen habe. Insbesondere, wenn das Baby schon älter ist als 4 Monate, wird das Angebot für französische Familien nämlich dünn. Das Baby ist dann meist schon in einer Einrichtung untergebracht und die Eltern arbeiten bereits wieder. Ich glaube, das werde ich wirklich am meisten vermissen.

Du denkst über Hypnobirthing nach. Würdest Du uns das etwas genauer erklären, was es damit auf sich hat? Ist das besonders verbreitet in Frankreich? 

Hypnobirthing ermöglicht nach Marie Mongan eine natürliche Geburt mithilfe von Selbsthypnose. Ziel ist es bei intensiver Geburtsvorbereitung mit Hypnobirthing die Geburt entspannt und sehr bewusst zu erleben, so dass Geburtsschmerzen teilweise (oder sogar ganz) vermieden werden können. Davon erfahren habe ich (leider erst nach meinem ersten Geburtserlebnis) über YouTube, wo ich mir einige Hypnobirthing-Geburten bzw. -Berichte angesehen habe. Das klang für mich total spannend und habe mir deshalb einige Bücher dazu durchgelesen und mit meiner Hebamme ganzheitliche Entspannungs-, Meditations- und Visualisierungstechniken geübt. Ich erwarte keine Wunder, aber mir hat diese Art der Vorbereitung definitiv geholfen Erlebtes besser zu verarbeiten und mich auf die bevorstehende Geburt zu freuen.

In der Frauenklinik, wo ich entbinden möchte, werden übrigens neben Haptonomie-Kursen, vorgeburtlichem Singen, Stillkursen und Babytrage-Infoabenden auch Hypnose-Sessions angeboten. Allerdings läuft dies nicht unter der Überschrift Hypnobirthing (oder hier Hypnonaissance). Grundsätzlich sind Hypnonaissance-Anbieter zwar auch in Frankreich zu finden, aber bisher nur in ganz wenigen ausgewählten Großstädten. Vielleicht wächst die Anzahl ja noch in den nächsten Jahren. Das Interesse an mehr Natürlichkeit rund um das Thema Geburt und Baby wächst nach meinem Eindruck jedenfalls auch hier.

Tausend Dank, liebe Christina, für diesen tollen Schwangerschaftsbericht aus Frankreich. Und vielleicht berichtest Du uns ja auch bald noch einmal etwas über die Geburt an sich? Wir drücken die Daumen, für alles, was kommt! 

Alles Liebe,

Eure Pi

PS: Hier habe ich Euch schon eimal über meine Schwangerschaft in Frankreich berichtet: Schwanger in Frankreich.

Foto credit: Anne del Socorro – www.annedelsocorro.com