Schule

Es gibt viele Gründe, für die ich meinen Mann liebe. Wirklich. Aber um ehrlich zu sein, einer der wichtigsten, weil im Alltag und an Knotenpunkten im Leben einfach extrem hilfreich, ist seine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Dinge auf den Punkt zu bringen. Einfach so. Abgeklärt. Sicher. Wie ein Fels in der Brandung. „Soll ich das meinem Chef so oder so schreiben?“ „So.“ „Meinst du, wir müssen das beim Kinderarzt abklären lassen?“ „Nein.“ „Sicher?“ „Ja.“ Ihr seht, ich habe es einfach. Ihr findet, dass ich mein eigenes Bauchgefühl sträflichst vernachlässige? Ihr habt recht. Das ist die Kehrseite eines so tollen Mannes. Aber vielleicht heißt das einfach „Ehe“? Aber das führt uns vom Thema weg. Ich wurde ohnehin auf eine harte Bauchgefühl-Probe gestellt. Denn aus heiterem Himmel hat mein Mann versagt. Denn plötzlich war er nicht mehr „nur“ Ehemann, sondern Vater. Was war passiert? Alles fing harmlos an, nein sogar voller Vorfreude: Der erfolgreiche Übertritt unserer Grundschulkinder an die weiterführende Schule zeichnete sich ab. Das bedeutet in einer Stadt wie München: Der Terminkalender wird gezückt und füllt sich ratzfatz mit Infoabenden in Frage kommender Schulen (in der Regel ohne Kinder, wobei dann plötzlich doch alle ihre Kinder mitnehmen), Tagen der offenen Tür an besagten Einrichtungen (definitiv mit Kind), Schulkonzerten (schließlich will man ja sehen, was die sonst noch so bieten). Und warum, fragt ihr euch wahrscheinlich spätestens jetzt, nehmen die nicht einfach die nächstgelegene Schule? Guter Punkt. Die Antwort lautet: Weil man guckt, ob es was Passenderes gibt. Und damit meine ich nicht: Mein hochbegabtes, absolut außergewöhnliches Kind soll das Beste vom Besten bekommen. Nein, ich meine: Mein absolut normal begabtes Kind soll in die Schule gehen, die zu ihm passt. Und vielleicht ist die nicht um die Ecke. Genauso wie Urlaub im Bayerischen Wald echt praktisch ist. Und sicher wunderschön. Für alle, die es dort wunderschön finden. Und der wichtigste Grund, nicht zum Naheliegendsten zu greifen? Neugier. Offenheit. Lust auf verschiedene Eindrücke.

Eine “Tour de Schulen” beginnt

Nun, wir begeben uns also auf Tour. Nennen wir die Schulen einfach mal A, B und C. Wobei sich Schule A, auch genannt die Vielseitige, sofort für alle vier Familienmitglieder erledigt: Ein Schulgelände, das gerade umfassend renoviert wird und schon in wenigen Wochen auf Schönste leuchten wird. Verschiedenste Sprachenfolgen: Ob Italienisch, Französisch, Latein oder Englisch, hier ist alles möglich. Theatergruppe, Chor, Inklusion – vorbildlich! Und trotzdem: Es ist als wären Schule A und wir wie zwei sich abstoßende Magneten, ein Streichholz, das auch beim dritten Reiben nicht zündet, ein absterbender Motor. Also weiter: Schule B, die Nahe. Sie hat zwei enorme Vorteile: Sie ist erstens mit dem Rad erreichbar, und zweitens hoch gehandelt von den besten Freunden meines großen Kleinen. Doch dann: Der Infoabend zunächst ein Fehlstart. Eher eine Ab- als eine Anwerbeveranstaltung. Eine Rektorin, die „nicht böse ist, wenn sich hier nicht alle anmelden.“ Mütter, die mir zuraunen: „Meine Große ist hier. Und eines muss dir klar sein, das hier ist nur Schule. Sonst nichts.“ Und dann: Kommt eine Lehrerin, die ihr Fach vorstellt. Latein. Tote Sprache? Nicht doch! Hier lebt jemand für seinen Unterricht. Am Tag der offenen Tür noch so ein Exemplar einer mitreißenden Lehrerin in der Schnupper-Stunde: Lange nicht mehr so geschmunzelt, Spaß gehabt, was mitgekriegt. Unwillig stelle ich fest, dass hier alle ganz glücklich aussehen. Aber der Kasten ist doch riesig! 900 Schüler? Oder waren es 1000? Chor, Theater? Nur wenn die Gelder reichen. Wir fiebern Schule C entgegen, die Menschliche. Nur Gutes gehört. Das alte Gebäude ist mit der S-Bahn erreichbar (Nachteil? Oder: Ach was, das schaffen die schon?). Mich hat die Schule sofort. Erinnert mich total an meine Schulzeit. Nur 600 Schüler. Perfekt. Infoabend? Sagen wir lieber: Konzert des schuleigenen Orchesters mit Infos davor und danach. Zu Tränen rührende Reden begeisterter Schüler.

Sachliche Entscheidung? Emotionale Achterbahnfahrt!

Am Tag der offenen Tür ist meine Tochter überzeugt. Und mein Sohn? Hin- und hergerissen. Und wir: In eine Achterbahn eingestiegen. Ja, so stellen wir uns Schule vor, und überhaupt: Entscheiden das nicht die Eltern?? Auf alle Fälle, sagen die einen. Das Kind muss sich wohlfühlen, die anderen. „Was sollen wir tun?“, frage ich meinen Mann. „Ich weiß es nicht“, antwortet er. Wir machen Welche-Schule-hat-was-dir-wichtig-ist-Listen mit unserem Sohn. Schule C gewinnt. Eindeutig. Wir sind vorerst erleichtert. Doch dann fällt mir eine Geschichte wieder ein, erzählt von einer Schulrektorin: Sie hatte an einem Tag der offenen Tür Eltern mit ihrem Viertklässler getroffen. Die Eltern waren begeistert von der Schule, und vermeldeten einen baldigen Übertritt ihres Sprösslings an ebendiese Schule. Als die offiziellen Anmeldungen längst gelaufen waren, das neue Schuljahr begonnen hatte, traf die Rektorin die Eltern wieder – zufällig und ganz woanders. Sie berichteten ihr, dass ihr Sohn partout nicht auf die von den Eltern favorisierte Einrichtung wollte. Der Grund: Es hätte dort so komisch gerochen. „Warum auch immer – ihr Kind muss sich an der Schule wohlfühlen“, schloss die Rektorin. Und da wusste ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte: Das Strahlen unseres 10-jährigen. „Mach´ mal die Augen zu“, fordere ich ihn auf. „Und jetzt stell dir vor, du gehst ab September auf Schule C, wie besprochen.“ Er liegt ganz ruhig da. „Und nun“, sage ich, „stell dir vor, du gehst auf Schule B.“ Kennt ihr den Moment, wenn eine Kerze zu leuchten beginnt? Erst ist es kaum wahrnehmbar. Und dann erhellt das Leuchten den ganzen Raum? So war sein Strahlen.

Übrigens ist mir später noch eingefallen, welche Rektorin, uns die Geschichte erzählt hatte. Es war an Schule B. Danke.

Alles Liebe, eure Jules

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