Rekordversuche mit Kindern

Als Kind waren meine Schwester und ich fasziniert von den aberwitzigen Rekorden, die Menschen in der Lage waren, aufzustellen. Das Guinnessbuch der Rekorde war wie ein verheißungsvoller Gral für uns, ein Versprechen, was alles möglich sein kann. Wir steckten unsere Nasen tief in den großen Wälzer, still beeindruckt vom größten Menschen der Welt, erschüttert von den Muskelbergen des stärksten Mannes, sehnsüchtig nach der längsten Pizza des Universums. Unser Studium unterbrachen wir höchstens mal mit kleinen Ausrufezeichen unserer inneren Begeisterung: “Wahnsinn!”, “Krass!!”, “Schau mal!”. Meinen Kindern heute – geht es genauso. Das aktuelle Guiness World Records in der Bücherei ergattert? Ich bin die Heldin des Tages! Und meine Kinder verschwinden hinter dicken Buchdeckeln und schmökern Rekorde. Zu hören sind nur noch…genau das. Während ich sie amüsiert beobachte, beginne ich zu sinnieren, was ein Rekord eigentlich heute für mich persönlich ist. Klar, ich könnte mir die Fingernägel wachsen lassen bis sie sich kringeln (das Bild im Buch, bei dem mir ein wohliger Schauer über den Rücken jagt). Aber: Irgendwie unpraktisch. Meine Kinder würden sich über den höchsten Gummibärchenberg im Süden Münchens freuen – und aus einem Mount Everest schnell mal einen Münchner Hausberg futtern. Auch blöd. Ich schiebe diese absurden Ideen beiseite und denke nochmal ernsthafter nach. Was sind die “Rekorde” im Leben einer Mama? Nun, da sind zunächst mal einige ganz unvermeidliche:

119 Kilo Nudeln

verkoche ich pro Jahr. Die entsprechende Menge Tomatensoße natürlich auch dazu. Das Aufessen derselben klappt natürlich nur, wenn ich regelmäßig den Tisch decke: Auf 1095 Mal komme ich im Jahr – eine hotelreife Leistung würde ich sagen. 1460 Paar gewaschene Socken jährlich klingen auch interessant. Aber rekorverdächtig? Nicht doch. Wir sitzen ja alle in einem Boot, und: Es gehört halt gemacht.

Rekorde mit Kindern

Schöner sind da schon andere Rekorde, die man in einem 11 Jahre andauernden Kinderleben pro Jahr so ansammelt, zum Beispiel:

5 110 Bussis

wenn ich etwa noch dreimal nach dem ersten Gute-Nacht-Kuss zu meinen Zwei ins Zimmer gucke, weil-sie-halt-heute-einfach-wirklich-nicht-einschlafen-können oder einfach-noch-so-aufgeregt-aufgewühlt-aufgedreht-verdammt-nochmal-ich-weiß-es-doch-auch-nicht sind. Plus: das Guten-Morgen-Bussi, der Abschiedskuss vor der Schule, das Heimkommen-Bussi. Extras noch nicht mitgezählt! Unzählbar sind leider die Sätze, die ich pro Tag und Jahr mit einem Imperativ beginne, erwähnt seien hier “Mach mal…”, “Räum bitte…”, “Geh jetzt…”, “Denk an…”.

Der letzte Rekord führt mich zu einem anderen Gedanken, oder einem Wunsch: Wie oft versuche ich als Mama, geduldiger zu sein. Besser zu zuhören. Nicht immer so schnell mit Worten zu sein. Lieber mal, wenn mir eine pubertäre Bemerkung fast den Atem raubt: Tatsächlich einmal durchatmen, und ruhig antworten. Oder einfach mal gar nicht. Ich versuche, in den nächsten Wochen einfach mal neue Rekorde aufzustellen:

Erster Rekordversuch: Ruhig bleiben

Auf das typische “Iiiih, das esse ich nicht”, wenn es mal NICHT Nudeln mit Tomatensoße oder Pfannkuchen gibt, entgegne ich ruhig “Dann eben nicht. Dann gibt es für dich ein Butterbrot.” Weil das Gezetere nicht aufhört, kann ich mich nicht verstellen: Ich bin genervt, aber ich lasse mich dieses Mal nicht aus der Reserve locken. Das Essen endet mit einem weiteren Rekord: Das Kind probiert!! Testfeld Nummer 2: Hausaufgabenzeit. Gerne mal hängen abwechselnd oder gleichzeitig zwei Kinder im Wohnzimmer rum, kehren nach ihren Fragen nicht wieder an ihren eigenen Schreibtisch zurück. Schon beschwert sich der eine, dass der andere zu laut spricht, und er hier nicht lernen könne. Falsche Welt? Genau: Ich schiebe beide mit sanftem Druck aus dem Wohnzimmer, und lasse erst gar keine weiteren Diskussionen aufkommen. Das führt zu Protesten, die ich – wie gesagt, da stehen zwei hübsche Schreibtische! – ignoriere.

Zweiter Rekordversuch: Besondere Ausnahmen zulassen

Mein klares Abgrenzen tut mir gut, und niemandem weh. Ein Erfolg. Aber mir fällt auch ein, was eine Familienpsychologin mir mal bei einer Recherche für einen Artikel gesagt hat. Es ging um Konsequenz: “Konsequenz ist nicht Sturheit.” Und so dehne ich den Zeitpunkt zum Lichtausmachen am Abend einfach mal um zehn Minuten aus, weil meine Tochter das Buch eben gerade so spannend findet. Halte meinen Kindern von selbst eine Schüssel mit Salzstangen entgegen, wenn ich Mittags das Essen nicht rechtzeitig fertig habe. Klar, kann ich erwarten, dass sie warten – schließlich habe ich bis gerade eben gearbeitet. Aber hatte ich nicht früher auch wahnsinnig Hunger, wenn ich von der Schule kam? Und: Die Laune ist gerettet! 20 Minuten später sitzen alle glücklich am Tisch. Noch schnell Logo-Kindernachrichten gucken, obwohl wir schon recht eng sind mit dem Abendprogramm? Stehen morgen Schulaufgaben an? Nein. Na also. Über den Schatten gesprungen.

Dritter Rekordversuch: Nochmal nachhaken

Und da gibt es noch etwas, wo ich rekordverdächtig – schlecht bin. Geduld haben. Gefühlt ist es zeitlich immer eng seit die Kinder in der Schule sind. Morgens schnell los. Mittags schnell Hausaufgaben machen. Daneben noch was für die eigene Arbeit fertig stellen. Nachmittags schnell zum Sport. Abends zeitig ins Bett (siehe oben). Jeder Verzug macht alles noch enger. Setzt also ein Kind an mit “Mama, weißt du…”, bekomme ich leicht schwitzige Hände, weil ich weiß, nun folgt eine laaange, detaillierte Geschichte über einen Vorfall in der Schule, eine Beobachtung im Bus, lustige Namen, die man unserer Katze noch geben könnte. Das alles interessiert mich. Ich schwöre es. Aber manchmal kann ich einfach gerade nicht zuhören, weil wir weiter müssen. Oder ich dringend kurz telefonieren muss. Oder das andere Kind Hilfe braucht. Weil ich es aber richtig traurig fände, wenn ich diese kleinen Alltagsschnipsel meiner Kinder nicht mitkrigen würde, habe ich mir angewöhnt, nochmal nachzuhaken: “Schatz, merk es dir. Ich will das unbedingt hören. Aber jetzt geht es gerade nicht.” Und innerlich mache ich mir selbst eine Notiz. Spätestens abends beim Gute-Nacht-Sagen frage ich nochmal nach der verschobenen Geschichte.

Das Resumée der Rekorde

Mama sein ist rekordverdächtig schön. Aber auch rekorverdächtig anstrengend. Meine persönlichen Rekordversuche in den letzten Wochen haben nicht dazu geführt, dass ich mich ab sofort “Beste Mama des Universums” oder “Die Frau mit den Nerven aus Stahl” nennen kann. Ich habe auch nicht den “längsten Geduldsfaden des Universums”. Aber ich habe trotzdem was gerlernt: Jeder Tag, an dem ich weiter an meinem persönlichen Rekord arbeite, ist gut. Weil ich an mir arbeite. Und was Gutes fürs Familienleben tue. Richtige Rekorde? Die gucke ich weiter am liebsten im Guinnessbuch der Rekorde!

Alles Liebe, eure Jules

Guiness_Rekorde
“Guinness World Records 2019”, Ravensburger Verlag, 19,99 Euro

Titel-Fotos by Brooke Lark on Unsplash

Pasta-Foto by Eaters Collective on Unsplash